19. Aug. 2015

[Kommentar] Das System Mader - eine Betrachtung

Ich habe den liebenswürdigen Alt-Landtagspräsidenten, Helmut Mader, kennengelernt, anlässlich einer Gedenkveranstaltung auf dem russischen Friedhof in Innsbruck. Mich beeindruckte Maders wertkonservative Grundhaltung und sein Tirolertum. So, wie es manch andere Außenstehende ebenfalls bewundern. Mader fehlt auf keiner Veranstaltung, die den Geist Tirols manifestiert: Schützen-Umzüge, Trachtenfeste und der Hohe Frauentag.

Helmut Maders Ruf als Tiroler, ohne Fehl und Tadel, war eine feste Größe. Und das Absingen der Tiroler Landeshymne gelang ihm allzeit mit besonderer Inbrunst.

In der Tat. Das Tirolertum ist Klammer und Motor für die Prosperität dieses Landes. Vorbildhafte Rettung, Feuerwehr und Bergrettung, das sind die deutlich sichtbaren Belege für den Volksstamm einer topografisch schwierigen Region, wo man im Alltag aufeinander angewiesen ist. Wirtschaft und Industrie sind mustergültig aufgestellt. Tiroler Fachkräfte sind von legendärer Zuverlässigkeit. Das kommt, wie gesagt, nicht von ungefähr.

Und dennoch, tendenziell archaische Gesellschaften oder besser gesagt, homogene Gesellschaften haben so ihre Schattenseiten. Manchmal wird der Tiroler Ehrenkodex auch zur Belastung und so gehen junge Menschen erst einmal hinaus, um sich die Welt zu erobern. Wohl die meisten Tiroler, die aus der Enge ihrer Heimat ausbrechen, machen draußen Karriere. Sie sind dabei allerdings ständig begleitet von chronischem Heimweh nach den Bergen. Ein Zwiespalt, der den Tiroler ewig begleitet.

Am besten hat Luis Trenker das beschrieben. Im Positiven wie im Negativen. „Der verlorene Sohn“, ein klassisches Beispiel für den Ausbruch aus einer starr festgelegten Gesellschaft.

Am Ende das bezeichnende Erkenntnis: „Wer nie fort kommt, der kommt nie heim.“

Die Tiroler haben Trenker die Verfilmung ihrer Intimsphäre nie ganz verziehen.

Insbesondere auch Reinhold Messner, der sein Gesicht mit Barthaar zuwachsen ließ. Eine Art Tarnkappe, damit ja nicht  erkannt werde, warum er so gerne gegen Luis Trenker stänkert. Nun, Messner stammt schliesslich aus einer Region, unweit König Laurins Rosengarten. Da, wo der listige Verstellungskünstler daheim war. Nachzulesen im Epos „Dietrich von Bern“ aus dem Hochmittelalter.

Wer ist nun die etablierte tiroler Gesellschaft aus historischer Sicht: Der Herr Pfarrer, der Herr Lehrer, der Herr Gendarm und der Herr Bürgermeister. Das Ganze umrahmt und eingeengt von Bergen, die jede Sicht verstellen. Eine Welt, derart eng, dass jede Watsch´n für einen widerborstigen Knaben zielsicher ankommen muss. Das Ur-Motiv der Bergsteigerei war es also:  Zum einen, um Weitsicht zu erlangen und natürlich auch, um unangenehmen Watschn auf engstem Raum zu entgehen.

Was die Berge betrifft und die Täler, das gilt auch für die Metropole dieser kleinzelligen Welt. Nur großräumiger strukturiert: Innsbruck und seine geschlossenen Gesellschaften, darüber der Herr Landeshauptmann und unmittelbar über allem, der liebe Gott. Ersatzweise der Abt von Wilten und der Landesbischof, die Tiroler Seilschaft des Herrn.

Dieses Leben der strikten Anpassung an die bestehenden Strukturen, an die diversen Gruppen und genau gezirkelten Kreise, bleibt freilich nur den Urtirolern vorbehalten: Der Richter, der Polizeikommandant, der Landeshauptmann und das klerikale Doppel. Sie alle unterhalten jeweils ihr Fähnlein und teilen mehr oder weniger ihre Pfründe miteinander. Der formale Umgang wird von wohlabgewogenen Strategieen bestimmt und die Basis so mancher Karriere in Stadt und Land ist auf die hohe Kunst der zielsicheren Täuschung gegründet. Wohlgeübt im Bedarfsfall das Hackl hintennach zu schmeißen oder  unterwürfig zu sein, dabei jedoch stets fest verankert in dieser oder jener Interessensgruppe.

Leistung, Kompetenz und Einsatzbereitschaft, spielen auf dieser Ebene eine untergeordnete  Rolle. Immerhin, man lernt im Clan auch die Kunst der faulen Ausrede, des Beschönigens, des Verdrängens und Vertuschens.  Meine kritische Betrachtung gerät an keiner Stelle in Beweisnot. Da sind beispielsweise die Agrar-Gemeinschaften. Sie stahlen den Gemeinden Grund und Boden. Mehr als ein Drittel Tirols nahmen sie sich und sind mächtig genug, den Obersten Verwaltungsgerichtshof vorzuführen. Weiters gab es den ex-Nationalrats-abgeordneten und Obmann der Tiroler Haflingerzucht, der stattliche Honorare bei der Landwirtschaftskammer einstrich und seine marode Privatfirma mit dem staatlichen Haflingergestüt Ebbs sanieren wollte. Da gab es die Lebenshilfe, deren Betreiber sich mit Geld und dicken Autos bedienten. Nicht zu vergessen, ein Ex- Finanz-landesrat, der sich mit der spottbilligen Luxuswohnung eines Seilbahnbetreibers segnete. Segen für Segen, sozusagen. Wer gut schmiert, der gut schwebt. Allerdings, das Seil riss und der Herr Finanzlandesrat flog aus der Regierungsbank. Gut bedient auch Platters ehemaliger Vize in der Landesregierung. Er wechselte nahtlos  aus der alten Heimat, dem Landhaus, an die Spitze der Neuen Heimat.

Und dann ist da noch die  TIWAG mit ihren haarstäubenden USA-Geschäften und die TILAG, die sich die angesehene Universitätsklinik, Innsbruck, dem Vernehmen nach, unter den Nagel riss. Symbolischer Ausdruck dafür, den Ehrentitel „Universitätsklinik“ so klein als möglich aussehen zu lassen. Wo in Tirol privat anfängt und der Staat aufhört, das ist eine Angelegenheit der Landesgrauzone Tirol. Und diese Landesgrauzone fragt nicht nach dem Parteibuch, sondern den Interessensgruppen.

Zurück zu Alt-Landtagspräsident Ing. Helmut Mader: Gegen ihn, den klassischen Frontmann in der Politik, hat sich zwischenzeitlich so etwas wie künstliche Entrüstung aufgebaut. Diese Entrüstung ist umso künstlicher, je inniger das Naheverhältnis zwischen ihm und seinen ex-Polit-Freunden war.

In guter Kenntnis vom überparteilichen fruchtbaren Miteinander in diesem, alles in allem doch so faszinierenden Land, komme ich zu dem Fazit: Das System Mader, ist dem Wesen nach eigentlich nur eine Art besonders großzügig  interpretiertes Tirolertum. Nur, erwischen lassen darf man sich halt nicht.

Alles hat nun mal seine Spielregeln. Und die hat der liebenswürdige  Herr Mader im Technikerhaus ausser acht gelassen.

Schade. Geiz und Gier sind Sprengfallen für den gesunden Verstand.

 

Rolf Dieter Lehner

Ehrenring des Landes Tirol, die höchste Auszeichnung des Landes
Alt-Landtagspräsident Ing. Helmut Mader