05. Jan. 2016

Wintertourismus ohne Schnee, da hilft kein Verdrängen

So manches Pressestatement in diesen Tagen klingt wie das Pfeifen im dunklen Keller. Man kann Schnee nicht herbeten. Wenn er nicht kommt, muss man sich was einfallen lassen.

Eine klare Ansage. Meist sind jene weitergekommen, die gar nicht erst gebetet haben, sondern gleich sich etwas haben einfallen lassen.

Nehmen wir Kitzbühel: Da herrschte in den letzten Wochen geradezu ein Gedränge bei traumhaftem Wetter. Talabfahrten waren und sind auf sämtlichen Pisten rund um kein Problem. Schneekanonen hatten mehr oder weniger weiße Bänder in die Landschaft gezaubert, auf denen man problemlos talwärts wedeln konnte. Dennoch, viele Urlauber zogen es vor, in der einmalig schönen Altstadt von Kitzbühel zu flanieren, Smalltalk zu betreiben und hie und da einen Capuccino zu sich zu nehmen.

Denn, dass es ein Vergnügen sei, auf schmalen Streifen durch die Skigebiete zu wedeln, ist eine ebenso zweifelhafte Behauptung, wie die These: Das Laufband in einem Fitnessstudio ersetze den morgendlichen Waldlauf.

Was also in diesen Tagen dringend gefragt wäre, ist kreativer Tourismus. Positivbeweise, wie der Country Club, der Lärchenhof oder der Stanglwirt, die eine kleine Welt für sich aufgebaut haben, machen es vor. Die Veranstaltungsdichte von Side Events beim Tennis ist ein weiteres Beispiel. Bindungen zum Gast knüpfen, ihn abholen, ihm permanent, ob vor Ort oder über die Medien, zu sagen, wie sehr er ein Freund unserer Stadt ist, müsste eine Selbstverständlichkeit sein. Doch davon sind wir weit entfernt.

Fatal ist die verbeamtete Einfallslosigkeit generell im Tourismus. Die Verbände antworten auf den Schneemangel mit noch mehr bunten Bildchen und produzieren, unbeirrbar, sozusagen am Fließband, Illusionen von stäubendem Schnee, herrlichen Winterlandschaften und rückwärtsgewandten Romantikbildern. Das Ganze wird dann mit Sonderangeboten und Rabatten von gastronomischen Einzelgängern aufgepeppt.

Seien wir uns darüber im Klaren: Das ganze Prozedere ist eindeutig die Vortäuschung falscher Tatsachen. Einfach so zu tun, als sei Tirol durch und durch ein Winterparadies, ist praktizierte Einfallslosigkeit. Man verdrängt das Problem und die Werbestrategieen sind geradezu museal. Eine problematische Situation, zumal das Gastgewerbe vom Staat steuerlich ausgenommen wird, so wie die unlängst verzehrte Weihnachtsgans. Wir wissen – und daran gibt’s nichts zu rütteln – in gut 20 Jahren gibt es, optimistisch betrachtet, nur noch in Hochgebirgslagen geschlossene Schneedecken. Und da 20 Jahre rasch vorbei sind, fragt man sich, was dann?

Der in Sachen Kitzbühel unverdächtige "Spiegel" berichtete schon vor langer Zeit nüchtern: "Die Forscher der Universität Zürich untersuchten die Auswirkungen der Erwärmung auf Skigebiete in der Schweiz, in Österreich, Italien, Australien den USA und Kanada. Das nur in 760 Meter Höhe gelegene Kitzbühel in Tirol, nannten sie als das prominenteste mögliche Opfer des Klimawandels. Deutschland und Österreich wären besonders betroffen, weil viele Wintersportorte recht tief lägen. Auch die Skigebiete im Schwarzwald und im Allgäu seien akut gefährdet. In der Schweiz könnte jeder zweite Wintersportort die Folgen der Klimaerwärmung stark zu spüren bekommen".

Bis dahin wird es zwar noch etliche gute und schlechte Winter geben und die Touristiker werden sich in Tirol weiterhin der Stereotypie des Bettenzählens hingeben, während Billig-Fluglinien künftig Winterparadiese in Kanada leistbar machen werden.

Wenn angesichts dieses Faktenchecks Kitzbühel weiterhin in verdrängungsstrategischer Hoffahrt verharrt, dann wird es verdammt eng. Für den Autor dieser Kolummne bleibt nur die Hoffnung, als Botschafter der schlechten Nachricht, nicht geköpft zu werden.