21. Nov. 2015

Der "Schmale Grat der Wahrheit" eine kritische Betrachtung

Kommentar

Zur ORF-Premiere: „Luis Trenker: Der schmale Grat der Wahrheit“ Fernsehfilm von Wolfgang Murnberger. In den Hauptrollen: Luis Trenker/Tobias Moretti, Leni Riefenstahl/Brigitte Hobmeier. Wien (OTS) - Berge, Ehrgeiz, Liebe, Eifersucht und der Kampf um den persönlichen Erfolg bestimmen den Spannungsbogen von „Luis Trenker –ORF-Premiere am Mittwoch, dem 18. November 2015, um 20.15 Uhr in ORF 2

„Der schmale Grat der Wahrheit“, die filmische Biografie über Wege und Ziele Luis Trenkers und Leni Riefenstahls ist, genau betrachtet, genau das, was man Luis Trenker unterstellt: Manipulation und eine falsche, „geflunkerte“ und frei erfundene Darstellung der Hauptfiguren. Heutzutage belegt man Manipulation, Halbwahrheit und Lüge mit dem geschönten Begriff „Fiktion“.

Gesinnungsimperative im Clinch mit der Wahrheit

Dem deutschsprachigen Kulturraum kann man so etwas freilich andrehen. Ein objektives Geschichtsbild muss man sich heutzutage individuell erkämpfen, mit dem Risiko, intellektuell eliminiert zu werden, wenn man seine Erkenntnisse daraus kundtut. So stehen auch hier Gesinnungs-Imperative, als Wahrheit deklariert, im Clinch mit der Wahrheit. Organisierte Enthistorisierung, das Mittel, die geschichtslose Gesellschaft durch Desinformation zu manipulieren.

Wenn man das folgende Statement von Brigitte Hobmeier (Leni Riefenstahl) liest: „Für uns heute erscheint der damalige Stil ja irrsinnig aufgesetzt und der Manierismus des damaligen Spiel- und Tanzstils sehr fremd“, dann bestätig das ein Fremdverhältnis zu Kunst und Kulturgeschichte. Es stellt sich die Frage, ob die Riefenstahl-Darstellerin ein Problem hat, sich in andere Stilepochen zurückzuversetzen. Ist das etwa ein Geständnis der Mimin, nicht begriffen zu haben, was sie da eigentlich darstellen sollte? Am Ende setzt Hobmeier noch eins drauf und diffamiert den Erzähler Luis Trenker als „komischen, verschrobenen Geschichtenerzähler“. Offensichtlich völlig unbedarft ist die Hauptdarstellerin bezüglich der Tradition und Kunstform des Erzählens. Erzählen, die Urform des generationenübergreifenden Weitervermittelns von Historie und Legende. Erzählen als Abstraktion eines Bildes, das der Zuhörer mittels seiner Vorstellungskraft in seinem Kopf wieder zusammensetzt. Brigitte Hobmeier sollte das ermessen können, wenn sie Klasse für sich reklamiert.

Tondokument des Erzählers Luis Trenker Reichsrundfunk 1936.

Was all die ideologischen Wiedertäufer heutzutage bewirken, wenn sie Bildnisse zerschlagen, ist die Tatsache, dass sie kulturellen Schaden anrichten. Gemessen am realen Trenker waren wohl beide Protagonisten des „Schmalen Grades“ am Ende nur Handpuppen einer Instanz zur Demontage von Denkmälern. Mit dem Sinn dieses Kulturkampfes mögen sich andere auseinandersetzen. Hier steht nur die unwidersprochene Manipulation einer Künstlerbiografie zur Disposition.

Der Weg zum Film Tondokument Luis Trenker Reichsrundfunk 1936

Rufmord durch Verfälschung einer Biografie.

Trenker habe eine NS Karriere gemacht, so vermitteln es die Macher vom „Schmale Grat der Wahrheit“ in ihrem Film, den man geneigt ist, als Polit-Schmachtfetzen zu bezeichnen. Die angebliche Nähe Trenkers zu den Nazis soll mit der Tatsache bewiesen werdendass Josef Goebbels vom „Rebell (1932)“ begeistert war. Darum habe das NS-System Trenker später gefördert, so die abenteuerliche Schlussfolgerung von Leuten die,  wie vor  etwa 300 Jahren, erneut auf Hexenjagd gehen. Trenker stehe den Nazis naheweil Goebbels der "Rebell" gefiel? Ist der Geschmack von Josef Goebbels immer noch vernbindlichKorrekt zitiert, war es allerdings so, dass Goebbels von Trenker und Eisenstein (Panzerkreuzer Potemkin) sprach und begeistert war.

Tenkers liberal kosmopolitisches Denken, ein Störfaktor für Ideologen.

Wussten die Macher vom „schmalen Grat“ nicht, dass der jüdische Schwabe, Carl Laemmle, Gründer der Universal City-Studios Trenker schätzte? Das tat der Produktionsleiter der Universal Deutschland, Paul Kohner auch und "Rebell" Co-Regisseur Kurt Bernhard ebenso (beide 1933 emigriert). Weiss man nicht, wie Trenker die Rolle des Freiheitskämpfers Sven Anderlan im „Rebell“ angelegt hatte? Anderlan kehrt 1813 als Jenaer Student heim und ist ahnungslos mit dem zerstörten Anwesen und der Ermordung seiner Eltern durch napoleonische Truppen konfrontiert. Damit ist evident: Trenker bettet das Thema Tiroler Freiheitskampf ein, in den Freiheitskrieg gegen Napoleon 1813-1815. Die Epigonen eines fatalen Zeitgeistes werten den Rebell als Wegbereiter des NS Gedankengutes. Ist Rebellion gegen das Joch eines Ursupators neuerdings faschistisch? Haben die geschulten Augen der Filmemacher nicht die Kernaussagen des Trenkerschen Schaffens erkannt: „Die Heimat, die Berge, die Freiheit?“ Alle Trenkerfilme enthalten diese Aussage als zentrale Botschaft.

Religiosität und Heimat, Rückzugsgebiet eines Kosmopoliten.

Und dann ist da noch der „Verlorenen Sohn“. Ebenfalls eine (Laemmle/Kohner) Universal Produktion. Diesen Streifen als Nazi-affines Produkt zu deuten und darzustellen, ist entweder ignorant oder eine böswillige Lüge. Den Nazis hatte "Der Verlorene Sohn" ausgesprochen missfallen, hingegen hatte Vittorio de Sica seinerseits, 1947, die neorealistische Machart des „Verlorenen Sohnes“ als visionär gepriesen. Der Film leidet allenfalls durch die Nachsynchronisation in den 50er Jahren. Die Originaltonspur ging verloren. Die Bewertung Trenkers durch die Nazis entspricht geradezu deckungsgleich der Wertung von Tobias Moretti. In Trenkers Karteikarte bei der Reichs-Film-Kammer ist folgendes vermerkt: Luis Trenker ist ein schlechter, besser mittelmäßiger Schauspieler macht aber hervorragende Filme.

Tondokument Trenker 1935 der Verlorene Sohn Reichsrundfunk 1936

„Der Schmale Grat auf“ Boulevard Niveau.

Was war denn nun dran an angeblichen Dreiecksbeziehung Fanck –Trenker - Riefenstahl? 1932 schreibt Luis Trenker an seine Hilda: Habe den Prozess gegen Fanck gewonnen und von dem Geld einen Mercedes gekauft. Das Verhältnis Trenker/Fanck war seitdem über Jahrzehnte zerrüttet. Und Riefenstahl? Sie hatte wohl nie ein längeresVerhältnis mit Trenker. Irgendwann, bei Dreharbeiten zu einem Fanck-Film, kroch sie während eines Schneesturms zu Trenker in den Schlafsack, wohl eher aus pragmatischen Gründen. Fanck entdeckte die beiden und es gab ein fürchterliches Eifersuchtsdrama. 1928 heiratete Luis Trenker seine superreiche und androgyne Hilda von Bleichert. Das war´s dann wohl. Der Bergfex hatte wohl nie das, was man eine Affäre nennt. Aber er widersprach äußerst ungern, wenn man ihm eine Liebschaft andichtete.

Trenker und das Dritte Reich

Bleiben da noch die Nazis: Hitler mochte Trenker überhaupt nicht. Das berichtet Ernst (Putzi) Hanfstaengl, eine Zeitlang Hitlers Intimus und Pressechef. Trenker war für den Mann aus Braunau einfach zu vehement. Ja, und Goebbels hatte bereits die ersten Dossiers über Trenkers flotte Sprüche auf dem Tisch. Zudem wurde bekannt, dass Trenker, während der Deharbeiten zum „Verlorenen Sohn“, sich Winter 1933/934 mit dem bereits emigrierten Paul Kohner in Lech am Arlberg getroffen hatte. Auf Trenkers Haus in Berlin wehte oft, zu oft, die Landesfahne Tirols und:  "Trenkers Kinder wurden meist mit Tracht in den Kindergarten/ Schule gefahren. Immerhin mit einem 540 Mercedes Kompressor, 4sitzig und neuese Bauart." Daran erinnerte sich Florian Trenker, der älteste Sohn. Der Chauffeur Trenkers wickelte die Nobelkarosse anfang der vierziger Jahre bei Garmisch, während einer Privarttour um einen Baum. Trenker war nachsichtig, er stellte keine Regressansprüche an den verzweifelten Chauffeur.

Trenker und das liberale Judentum

Dass Trenker mit einer jüdischen Künstler Agentur in Wien, trotz Verbot und Abmahnung, kooperierte, war ein weiterer Tropfen in das schon fast überlaufende Fass, des ständig ins NS-Fettnäpfchen steigenden Bergfexes.

Das Naheverhältnis zwischen dem liberalen Judentum und Luis Trenker war bis zu seinem Tod ungebrochen. Es hatte neben den pragmatischen Aspekten des Filmgeschäftes durchaus eine starke emotionale Komponente, besonders in den USA. Trenker sich immer wieder, dazu, "Er habe jüdischen Kreisen viel zu verdanken". Eindrucksvoll das Wiedersehen mit Paul Kohner nach Jahrzehnten in Los Angeles, festgehalten in einer Trenker Doku, Anfang der 90er Jahre, („Movieman Produktion/Panitz“, München).

Der Produzent Luis Trenker

Der narzisstische Tiroler ging ausschließlich eigene Wege und produzierte seine Filme nur mit der eigenen Trenker-Film in Berlin, meist als Coproduktionen mit der London-Film oder mit Carl Läemmles Universal Pictures..Remakes der meisten Trenker-Filme feierten Premiere am Broadway. 1937 wurde gegen Luis Trenker ein Finanzstrafverfahren in Berlin eröffnet. Carl Laemmle hatte Trenker 30.000 US Dollar, das USA Budget für den „Kaiser von Kalifornien“, auf eine Niederländischen Bank überwiesen. Das Reich seinerseits, hatte Trenker die erforderlichen Devisen für die Dreharbeiten in den USA verweigert. Trenker Filme liefen rund um den Globus in allen Kontinenten. So wie er es sich in seinem Gegenentwurf zur Goebbelschen Filmpolitik für den Film im deutschen Kulturraum gewünscht hatte.

Tonzitat: Die Kulturwaffe des Films

Eine bezeichnende Reaktion auf den Film „Der Schmale Grat der Wahrheit“ aus Bozen:

RAI-Koordinator, Markus Perwanger, hatte im Feber des Jahres ein Making-off über den neuen Luis-Trenker-Film aus dem Programm genommen. Der Grund: Mangelnde Qualität: „Der Film ist handwerklich schlecht, inhaltlich tendenziös und formal unausgegoren, so dass man ihn so auf keinen Fall ausstrahlen kann“, so Perwanger. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Epilog: Die Riefenstahl –Tagebücher hatte Trenker fälschen lassen, um der „Reichsgletscherspalte“, wie er Leni Riefenstahl stets nannte, eins auszuwischen. Der Bergfex hat mit Sohn Florian zur gleichen Zeit auch große Mengen an bestem Grappa in Wehrmachtskanistern nach Deutschland geschmuggelt. Zwischendurch überführte er im Auftrag der Prädfektur Bozen, italienische Häftlinge aus Dachau, heim nach Italien. Das Chaos eines Kriegsendes hat nun mal seine eigene Dynamik.

 

Meinem verstorbenen Freund, Florian Trenker gewidmet, Rolf-Dieter Lehner

 

 

 

Carl Laemmle, geb. Laupheim Württ, Gründer der Universal Pictures, Hollywood, Förderer Luis Trenkers
Ferdinand Hodler: Auszug der Jenaer Studenten 1813, Trenkers Sven Anderlan ist Jenaer Student, Bildquelle Wikimedia
Der Rebell (1932) Universal Pictures, Luis Trenker,  Edschlössl Kufstein Foto: Luis Trenker-Archiv Kitzbühel
Luis Trenker "Der Rebell" (1932) "Universal Pictures" rechts Co-Regisseur Kurt Bernhard  Foto: Luis Trenker-Archiv Kitzbühel
"Der Rebell" (1932), Tonaufnahmen am Hafelekar (Nordkette Innsbruck) Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
"Der Rebell" (1932) Universal Pictures, rechts Aufnahmeleiter Hugo Lehner,  Foto Luis Trenker Archiv Kitzbühel
 "Der Rebell " (1932) Universal Pictures, Luis Trenker/ Sven Anderlan, Foto: Luis Trenker  Archiv, Kitzbühel
"Der Schmale Grat der Wahrheit": Nachgedrehte Erschiessungsszene aus dem "Rebell" Tobias Moretti
"Der Rebell" (1932) Universal Pictures Dreharbeiten auf der Festung Kufstein Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Filmball Berlin: Josef Goebbels, Leni Riefenstahl, Luis Trenker Luis Trenker, LT Archiv:  Kitzbühel
Filmball Berlin,  Josef Goebbels, Leni Riefenstahl, Luis Trenker, Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Ein gewonnener Plagiatsprozess. Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Ein gewonnener Plagiatsprozess. Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn (1934) Universal Pictures, Kinoplakat, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Talstation Notdkettenbahn, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Trenker m. Paul Dahlke Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Madison Sqare Garden NY, links Kamera Benitz/Rautenfeld LT Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Kamera Albert Benitz, v. Rautenfeld, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Lichttonkamera Schlechter, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, vor dem Langkofel, Gröden, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, "Sieg der Natur" Fun, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures,Stuben/Arlberg, 1933, Paul Kohner Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Dreh auf Begkulisse, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
 „Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Dreh auf Begkulisse, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" 1934) Universal Pictures, Madison Square Garden, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, Schlernregion, Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
„Der verlorene Sohn" (1934) Universal Pictures, T. mit Marian Marsh Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Hilda und Luis Trenker in Kitzbühel Foto Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Luis Trenker 1942 Arosa Gebiet Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Luis Trenker 1942 Arosa Gebiet Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
Luis Trenker: "Der Schmale Grat der Wahrheit" Brigitte Hobmeier/Tobias Moretti, Foto: ORF
Luis Trenker: "Der Schmale Grat der Wahrheit" Brigitte Hobmeier/Tobias Moretti, Foto: ORF
Passierschein KZ Dachau
Gegenentwurf Luis Trenkers zur Filmpolitik von Josef Goebbels, Luis Trenker Aechiv, Kitzbühel
Florian Trenker auf den Spuren seiner Mutter, Leipzig Gohlis 1990 Foto: Luis Trenker Archiv, Kitzbühel
In Berlin: rechts hinten: Hilda Trenker mit Sohn Ferdl, rechts: Kindermädchen mit Tochter Barbl, Mitte Florian (Florl)