24. Jan. 2016

Dossier: Muss das Hahnenkammrennen One Hell of a Ride sein?

Was zuviel ist, ist zuviel

Geht es auf der Streif um Sport oder um Russisch Roulette? Menschliche Abgründe sind freilich tief. Wenn grandiose sportliche Leistungen zu wenig sind und darum mit Sensationsgier und niedrigsten Instinkten Kasse gemacht werden soll, dann ist das “too much“. Sportler, die als Opfer in den Fangzäunen zappeln, um dann als Bündel Mensch unter einem Christophorus-Hubschrauber hängend, weggeschafft werden, sind kein Aushängeschild für Kitzbühel.

Die Streif verzeiht keine Fehler.

Richtig, sie verzeiht aber auch jenen nicht, die mit dem Horror Roulette spielen. Fahrfehler waren jedenfalls nicht der Grund für die Hahnenkammtragödie 2016. Unter professionellen Bedingungen ist die Streif keineswegs mörderisch. Sie ist eine grandiose Herausforderung an die absolut Besten. Und das ist auch der Sinn und Zweck der Streif. Spannung ja, Nervenkitzel nein.

Muss es also derart mörderisch zugehen auf der schönsten Rennstrecke der Welt?

Allmählich bekommt Kitzbühel dann doch den bösen Ruf eines Schlachtfeldes für „Skiatoren“. Ein Videogame mit „super coolen“ Stürzen würde dann noch fehlen. Tatsache ist, diese Stadt lebt vom Hahnenkamm Rennen, vom Tourismus und nicht von kollektivem Sadismus. In dieser Stadt kann man geradezu nächtelang feiern, neue Freunde finden oder sich verlieben, je nachdem. Und wie kaum sonst bei solchen Weltcups sind die Fans in Kitzbühel so kreativ und ausgelassen in ihrer bunten Maskierung.

Im Klartext: Mit so etwas, wie einem derartigen Fest des alpinen Skisports, geht man verantwortungsbewusst um.

Es geht hier nicht um den Ironman oder um andere Formen des Extremsports, nein, hier passiert etwas ganz besonderes in Vollendung, das weltweit die größte Bewunderung erregt. Diejenigen, die das in Szene setzen, scheinen vergessen zu haben, dass ihnen diese Weltstadt des Ski Sports anvertraut ist. Da entsteht schon mal die Vision von einem Wochenende brutaler Stürze und mittendrin sitzt ein pensionierter Terminator, der in seinen besten Zeiten Stahlnägel zerbeißen konnte, wie unsereins Spaghetti. Freilich ist sie boshaft, diese Vision. Kitzbühel kann von Glück reden, dass die Sportpresse berichtet und nicht „Charly Hebdo“. Alledings, murren über Kitzbühel, tut sie sehr wohl, die Weltpresse.

Quo Vadis Kitzbühel?

Sollte es aber ein ausgemachtes strategisches Ziel sein, einen spannenden, sportiven und traumhaft schönen Wintersportort zur Macho- und Brutalinski-Meile umzufunktionieren, dann war das Hahnenkamm-Wochenende 2016, im negativen Sinne, erfolgreich. Wenn es zwei absolute Profis der Weltspitze und Virtuosen, wie Hannes Reichelt und Aksel Lund Svindal, an genau den gleichen Bodenwellen der Hausbergkante aus der Achse hebt und ins Fangnetz spuckt, dann ist da was nicht in Ordnung.

ÖSV Präsident Peter Schröcksnadel tobt:

„Man hätte, wenn man schon Schwierigkeiten einbaut, den Kurs an dieser Stelle langsamer machen müssen.“ Und mit Blick auf die Kitzbüheler Wertschöpfungsmaschinerie bringt es der ÖSV Präsident auf den Punkt: „Show ist die eine Sache, aber der Sport ist die andere. Und die Sicherheit der Läufer muss das Primäre sein”, so Peter Schröcksnadel im Zielraum. Dann geht er, zutiefst deprimiert: „Mir geht es nicht mehr gut. Das Resultat heute ist uns ganz wurscht".

Die Bilanz von Kitz:

Max Franz und Florian Scheiber, beide ÖSV, riss es im Training von den Füßen. Während des Abfahtslaufes landete Georg Streitberger bei der Einfahrt in die Traverse mitsamt seinen Hoffnungen und fast allen abgerissenen Bändern des rechten Knies in den Fangnetzen. Aksel Lund Svindal und Hannes Reichelt, ebenfalls schwer verletzt. Die Konsequenz eines verantwortungsbewussten ÖSV Präsidenten konnte, zumal auch die Sicht schlecht blieb, nur eine sein: Die kompromisslose Forderung nach sofortigem Rennabbruch. Der wurde jedoch von den Verantwortlichen rundweg abgelehnt. Dem entgegen beschloss man, 9 Rennläufer bei schlechter Sicht und einer offensichtlich problematischen Rennstrecke, talabwärts zu schicken.

Schröcksnadels Intervention hin oder her:

Gemäß FIS Reglement müssen mindestens 30 Rennläufer gestartet sein. Ob sie im Ziel ankommen oder im Fangnetz, ist dabei unerheblich. Als der dreißigste Läufer durchs Ziel war, wurde das Rennen umgehend abgebrochen. Egal wie, das „Soll“ war erfüllt.

Was bleibt, ist ein schaler Geschmack im Mund:

Unisono kommt die Presse zu dem Schluss: „Es bleibt der Eindruck, dass nach den Stürzen von Svindal und Reichelt das Rennen irgendwie so lange durchgepeitscht werden sollte, bis das Ergebnis gewertet werden konnte." 

Soviel Negativschlagzeilen in der internationalen Presse, das kann sich auch Kitzbühel nicht leisten.

Die letze Negativ-Schlagzeile:

Sie lautet am Slalom Sonntag: Razzoli erleidet Kreuzbandriss beim Kitz-Slalom.

Foto: Sepp Kloesch
Foto: Sepp Kloesch
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Foto: Sepp Kloesch
Foto: Sepp Kloesch
Foto: Sepp Kloesch
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